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Wie haltet ihr es damit?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen."

Und, seid ihr in diesem Sinne aufgeklärt?

12.4.08 01:38


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Kati in Paris

"Mein Sohn liegt in meinem Arm. Es ist eine so zarte kleine Last, man spürt sie fast gar nicht. Und doch wiegt sie schwerer als Erde und Himmel und Sterne und das ganze Sonnensystem.
Wenn ich heute sterben müßte, so könnte ich die Erinnerung an diese holde kleine Last mit mir ins Paradies nehmen. Ich habe nicht vergebens gelebt.
Mein Sohn liegt in meinem Arm. Er hat so kleine, kleine Hände. Die eine hat sich um meinen Zeigefinger geschlossen, und ich wage nicht, mich zu rühren. Er könnte dann vielleicht loslassen, und das wäre unerträglich. So ein Himmelswunder, diese kleine Hand mit fünf kleinen Fingern und fünf kleinen Nägeln. Ich wußte ja, daß Kinder Hände haben, aber ich habe wohl nicht recht begriffen, daß mein Kind auch solche haben würde. Denn ich liege hier und blicke auf das kleine Rosenblatt, das die Hand meines Sohnes ist, und kann aufhören, zu staunen.
Er liegt mit geschlossenen Augen da und bohrt seine Nase in meine Brust, er hat schwarzes, flaumiges Haar, und kann ihn atmen hören. Er ist ein Wunderwerk.
Sein Vater war hier und fand auch, daß er ein Wunder sei. Er muß also ein Wunderwerk sein, da wir beide es finden.
Meine Liebe zu ihm tut fast weh.
[…]
Du bist mein, du gehörst mir jetzt. In diesem Augenblick bist du ganz mein. Aber bald wirst du anfangen zu wachsen. Jeder Tag, der vergeht, wird dich ein kleines Stück weiter von mir wegführen. Nie mehr wirst du mir so nahe sein wie jetzt.
Vielleicht werde ich eines Tages mit Schmerz an diese Stunde denken.
»Wie die klagende Saite einer Geige, wie ein Kiebitz in der Heide geht die Sehnsucht der Menschen nach Menschen durch die von Menschen bewohnte Welt. Am demütigsten und tiefsten aber sehnen sich die Eltern nach den Kinde von den Gesetzen des Lebens in andere Zusammenhänge gerufen wurden.« Das steht in einem Buch, das ich habe.
In diesem Augenblick hast du mich, aber gewiß werden die Gesetze des Lebens auch dich in andere Zusammenhänge rufen. Und dann werde ich vielleicht so ein rufender Kiebitz auf der Heide sein und vergeblich nach meinem Vögelchen rufen. Das Vogeljunge wird wachsen und groß werden. Ich weiß, daß es so sein muß.
Aber jetzt, in diesem Augenblick, habe ich dich. Du bist mein, mein, mein — mit deinem flaumigen Kopf und deinen zarten kleinen Fingern und deinem kläglichen Weinen und deinem Munde, der nach mir sucht. Du brauchst mich, denn du bist nur ein armes kleines Kind, das auf die Erde gekommen ist und gar nicht ohne Mutter sein kann. Du weißt nicht einmal, was das für ein Ort ist, an den du gekommen bist, und vielleicht klingt dein Weinen deshalb so verirrt. Hast du Angst, das Leben zu beginnen? Du weißt nicht, was dich erwartet? Soll ich es dir erzählen?
Hier gibt es so viel Merkwürdiges. Warte nur, dann wirst du es sehen. Es gibt blühende Apfelbäume und kleine, stille Seen und große, weite Meere und Sterne in der Nacht und blaue Frühlingsabende und Wälder — ist es nicht schön, daß es Wälder gibt? Manchmal liegt Rauhreif auf den Bäumen, manchmal scheint der Mond, und im Sommer liegt Tau im Grase, wenn man erwacht. Dann kannst du auf deinen kleinen, nackten Füßen dort gehen. Du kannst auf schmalen, einsamen Skispuren in den Wald hineingleiten…wenn es Winter ist natürlich. Die Sonne wirst du lieben, sie wärmt und leuchtet, und das Wasser im Meer ist kühl und lieblich, wenn du badest. Es gibt Märchen in der Welt und Lieder. Es gibt Bücher und Menschen, und einige von ihnen werden deine Freunde. Es gibt Blumen, sie sind gar nicht nützlich, sondern nur, nur schön. Ist das nicht wunderbar und herrlich? Und auf der ganzen Erde gibt es Wälder und Seen und Berge und Flüsse und Städte, die du nie gesehen hast, aber vielleicht eines Tages sehen wirst. Deshalb sage ich dir, mein Sohn, daß die Erde ein guter Ort ist, um dort zu leben, und daß das Leben ein Geschenk ist. Glaub nie denen, die etwas anderes zu sagen versuchen. Gewiß, das Leben kann auch schwer sein, das will ich dir nicht verhehlen. Du wirst Kummer haben, du wirst weinen. Es kommen vielleicht Stunden, da du den Wunsch hast, nicht mehr zu leben. Oh, du kannst nie verstehen, was für ein Gefühl es für mich ist, dies zu wissen. Ich könnte mein Herzblut für dich geben, aber ich kann nicht eine einzige von den Sorgen wegnehmen, die dich erwarten. Und doch sage ich dir, mein liebes Kind: Die Erde ist die Heimat der Menschen, und sie ist eine wunderbare Heimat. Möge das Leben nie so hart gegen dich sein, daß du es nicht verstehst. Gott schütze dich, mein Sohn!"
(aus: A. Lindgren: Kati in Paris)
3.4.08 00:17


14.3.08 16:15


Neues von der Korrespondenz

 

 Wer das Städtchen Heidelberg ein wenig kennt, wird wissen, dass es dort nahezu ständig eine große (studentische) Wohnungsnot gibt. Siehe auch: http://www.uni-heidelberg.de/presse/news06/2609zimm2.html

 Dass diese Wohnungsnot allerdings älter ist als, sagen wir, 50 Jahre, das kann man nur herausfinden, wenn man sich der herrlichen Lektüre der Korrespondenz zwischen "Stud. rer. nat. Beumer" und "Frl. Carola Trenkamp" hingibt:

Fräulein Beumer schreibt aus Heidelberg an Fräulein Carola Trenkamp am

6.1.43

„Die Wohnungsfrage scheint hier in H’berg ein sehr schwer zu lösendes Problem dazustellen. Ich bin in der glücklichen Lage, ein Einzelzimmer zu haben, zwar kein feudaler Raum mit allem Comfort, sondern nur ein ganz kleines Mansardenzimmer mit dem allernotwendigsten Mobiliar. Das beste Stück darin ist wohl der Ofen.“

 

Sie wohnte damals übrigens bei Frau Walder in der Rohrbacherstr. 34.

 

Fräulein Carola hingegen scheint auch im Krieg den Ernst der Situation nicht recht erkannt zu haben, denn sie schreibt einundzwanzigjährig an ihren Vetter Werner:

 

Fräulein Trenkamp schreibt an Herr Uffz. Werner Zerhusen am 24.8.43

„Ich bitte dich 100000 Mal, mir doch von Norwegen (oder wo Du sonst liegen magst) 1 Paar Stiefel Gr. 40 zu schicken, mit ganz flachem Absatz, wie Deine „werte Frau Gemahlin“...Stecke diesen Brief in deine Brieftasche, damit er Dir bei jeder Gelegenheit in die Finger fällt, sonst vergisst Du meinen Riesenwunsch womöglich noch. Bis Weihnachten wirst du ihn doch hoffentlich erfüllen können. Herzliche Grüße und alles Gute. Denke an die Stiefel für Deine „Vetterine“...“

Die Reichsführung unter Herrn Hitler scheint den Ernst der Lage aber auf ganz eigene Art vermitteln zu wollen: Auf den leeren, normalen Postkarten sind Vordrucke:

 

 

Gertrude Niemann an Carola Trenkamp 15.9.43

Auf der Karte ist vorgedruckt

„Der Führer kennt nur Kampf, Arbeit und Sorge. Wir wollen ihm den Teil abnehmen, den wir ihm abnehmen können“.

7.4.43 an Edmund Trenkamp

Vorgedruckt ist

„Der Luftschutz braucht dringend den Fernsprecher nach Luftangriffen. Darum führe Du dann keine Privatgespräche!“

Außerdem werden die Karten alle mit dem Poststempel und einem Stempel "Kampf dem Kartoffelkäfer!" versehen...

 

 

 

 

12.3.08 21:45


Täglich wird mir die Geschichte teurer

(von heute nachmittag 

Ich glaube wahrlich, das richtige Fach zu studieren! Meine Chefin hat mal wieder die Biege gemacht und mich mit hirnlosen Aufgaben („Praktikumstagebuch“, dafür brauche ich nicht 6 Stunden...!) hier gelassen. Aber ich habe mir mal die hier oben herumliegenden Briefe geschnappt. Es sind die Briefe von Frau Carola Trenkamp (Jahrgang 1922), private Korrespondenz. Welch eine Freude tut sich da für die Historikerin auf! Die Briefe sind einfach der Hammer, das geht schon mit den Kuverts los. Da sind Briefmarken drauf mit Hitlers Konterfei und die Briefe damals kosteten – haltet euch fest – ganze 12 Pfennig, eine Postkarte nur 6 Pfenning.  Außerdem haben die die Adressen total komisch geschrieben, wenn ich so an Laura schreiben würde, stände da: „Fräulein Laura Behrens, Twistringen“ und irgendwo ganz klein „Wiesenweg“. Und trotzdem kam das an, das wundert mich doch. Als Absender schriebe ich dann „Stud. Hist. Helen Hoffmann, Vechta, Mozartstraße“. Ja, stud. hist. muss auch dabei, jedenfalls hat Fräulein Trenkamp einen Brief aus Heidelberg von einer Freundin erhalten und die schrieb als Absender „stud. rer.pol“, also Politikstudentin. 

Gottseidank schrieben damals einige Leute mit Schreibmaschine. Denn die handgeschriebenen Briefe sind entweder in Sütterlin geschrieben und das kann ich nicht oder sie sind in einer Klaue, das kein Mensch das zu entziffern vermag.

Ein ganz besonderer Brief ist auch der aus den U.S.A.. Carolas Vater hat offensichtlich an einen entfernten Verwandten geschrieben, der zufälligerweise wie er selbst Alfred Trenkamp heißt. (Übrigens: ich habe sogar die Geburtsanzeige der Carola Trenkamp gesehen: Paula Carola. Wir zeigen hocherfreut die glückliche Geburt unseres ersten Töchterchens an. Alfred Trenkamp und Frau (und dann ganz klein: Paula, geb. Taphorn).)

Jedenfalls ist Alfred aus Amerika entzückt zu hören, dass er deutsche Verwandte hat und breitet für den deutschen Alfred erstmal die gesamt family history aus: wer mit wem und warum, welche Kinder, wer wie starb und wer warum Selbstmord begang. Das reinste Paradies für einen heutigen Ahnenforscher!

Höchst interessant ist auch, dass der deutsche Alfred offenbar nach der Meinung der Amerikaner über die weltpolischte Lge (Poststempel 1948) fragte und der Alfred aus Amerika schreibt: „Alle Amerikaner fühlen, dass wir nach Möglichkeit alle Völker ernähren sollten...Die meisten Leute glauben, dass ein Krieg mit Russland unvermeidlich ist. Die einzige Frage ist, wann. Niemand meint, dass er sofort kommt. Das Gefühl gegen die Kommunisten ist sehr stark, fast so stark wie es gegen Hitler und die Nazis war...Das böse Gefühl gegen Deutschland und das Volk dort ist fast verschwunden...erzähle mir, was sie über uns in Deutschland denken...“

Ich meine, als Spätgeborene kann man ja das total bestätigen. Also 1948 ahnten sie schon, dass in den Sechzigern Kubakrise und Eisener Vorhang folgen würden.

Übrigens, der Brief liegt nochmal auf Englisch bei, handschriftlich. Ich frage mich, ob der Alfred besser Englisch als Deutsch konnte und deswegen vorgeschrieben hat?

Achja und besonders ist auch, dass die beiden Alfred Trenkamp heißen und dass deren Töchter beide Carola Trenkamp heißen! Und das über kulturelle und geographische Distanzen!

 

Etwas krass ist es, wenn die SchreiberInnen erwähnen, dass es „gestern wieder Alarm“ gab und wie sie im Bunker waren und wieviele Fensterscheiben kaputt gingen. Oder die Heidelberger Studentin, die 1945 schreibt, wenn man da überlegt, dass kein Jahr später die Amerikaner Heidelberg übernommen hatten...!

 

Ich hab noch einen Brief gefunden an Miss Carolyn Craver in Jacksonville, der aus Lohne abgeschickt ist. Leider steht unter dem schreibmaschinengeschriebenen „Yours sincerely“ kein Name, aber da ich weiß, dass Carola Trenkamp Briefe an die „Sprachschule Bach Leipzig“ erhielt, kann es nur sie sein, die dort schreibt, denn das Englisch ist tadellos. Außerdem schreibt sie, ihr Bruder ist immer noch vermisst in Russland, und ich weiß aus den Kondolenzschreiben an Frau Trenkamp senior zum verfrühten Tod des anderen Sohnes, dass sie einen Sohn in Russland vermissen. (Im Kondolenzbrief steht „Ich weiß nicht, was ich Ihnen zum Troste schreiben soll, denn  was soll man einer Mutter sagen, die einen Sohn verloren hat und einen vermisst?“ oder so ähnlich). Es ist also die Arbeit der Historikerin ein wenig wie Puzzeln oder detektivisch arbeiten.

 

Ich könnte wohl noch einige Stunden mit dem Lesen dieser Briefe zubringen (ich sehe gerade, Carola scheint richtige Brieffreunde im Ausland gehabt zu haben und ihre Mitschülerinnen sind sonstwo in der Welt gewesen: Freiburg! Also das ist für Lohne ja schon tiefstes Ausland!), aber leider soll ich das ja eigentlich nicht und in 11 Minuten fährt auch schon mein Zug...
11.3.08 18:56


Hyazinthenduft

Hyazinthen 

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht,
Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;
Die Kerzen brennen und die Geigen schreien,
Es teilen und es schließen sich die Reihen,
Und alle glühen; aber du bist blaß.

Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen
Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt!
Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen
Und deine leichte, zärtliche Gestalt.

 Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht
Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

(T. Storm)

  

Now I've gotten in too deep,
For every piece of me that wants you
Another piece backs away.

'Cause you give me something
That makes me scared, alright...

(J. Morrison)

 

Ich bin gespannt, welchen Kommentar/welche Deutung Kerstin hierzu wieder hat.

10.3.08 00:42


Museumslektüre

Heute durfte ich wieder hochinteressante Bücher im Museum lesen, den ganzen tollen Vormittag. Besonders empfehlen kann ich

Erna Horn: Der neuzeitliche Haushalt.

Wirklich gut.

 

Ansonsten gebe ich noch ein Zitat zum Besten, das ich - wie seltsam - im Heimatbuch 2002 fand:

Wer die Enge seiner Heimat bemessen will, reise.

Wer die Enge seiner Zeit bemessen will, studiere Geschichte.

(Tucholsky)

3.3.08 17:03


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ABI GESCHAFFT: 1,8!
Bald schon wieder Wintersemester!
Dann bin ich ein Drittsemester!







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