Stockholm //-->
Täglich wird mir die Geschichte teurer

(von heute nachmittag 

Ich glaube wahrlich, das richtige Fach zu studieren! Meine Chefin hat mal wieder die Biege gemacht und mich mit hirnlosen Aufgaben („Praktikumstagebuch“, dafür brauche ich nicht 6 Stunden...!) hier gelassen. Aber ich habe mir mal die hier oben herumliegenden Briefe geschnappt. Es sind die Briefe von Frau Carola Trenkamp (Jahrgang 1922), private Korrespondenz. Welch eine Freude tut sich da für die Historikerin auf! Die Briefe sind einfach der Hammer, das geht schon mit den Kuverts los. Da sind Briefmarken drauf mit Hitlers Konterfei und die Briefe damals kosteten – haltet euch fest – ganze 12 Pfennig, eine Postkarte nur 6 Pfenning.  Außerdem haben die die Adressen total komisch geschrieben, wenn ich so an Laura schreiben würde, stände da: „Fräulein Laura Behrens, Twistringen“ und irgendwo ganz klein „Wiesenweg“. Und trotzdem kam das an, das wundert mich doch. Als Absender schriebe ich dann „Stud. Hist. Helen Hoffmann, Vechta, Mozartstraße“. Ja, stud. hist. muss auch dabei, jedenfalls hat Fräulein Trenkamp einen Brief aus Heidelberg von einer Freundin erhalten und die schrieb als Absender „stud. rer.pol“, also Politikstudentin. 

Gottseidank schrieben damals einige Leute mit Schreibmaschine. Denn die handgeschriebenen Briefe sind entweder in Sütterlin geschrieben und das kann ich nicht oder sie sind in einer Klaue, das kein Mensch das zu entziffern vermag.

Ein ganz besonderer Brief ist auch der aus den U.S.A.. Carolas Vater hat offensichtlich an einen entfernten Verwandten geschrieben, der zufälligerweise wie er selbst Alfred Trenkamp heißt. (Übrigens: ich habe sogar die Geburtsanzeige der Carola Trenkamp gesehen: Paula Carola. Wir zeigen hocherfreut die glückliche Geburt unseres ersten Töchterchens an. Alfred Trenkamp und Frau (und dann ganz klein: Paula, geb. Taphorn).)

Jedenfalls ist Alfred aus Amerika entzückt zu hören, dass er deutsche Verwandte hat und breitet für den deutschen Alfred erstmal die gesamt family history aus: wer mit wem und warum, welche Kinder, wer wie starb und wer warum Selbstmord begang. Das reinste Paradies für einen heutigen Ahnenforscher!

Höchst interessant ist auch, dass der deutsche Alfred offenbar nach der Meinung der Amerikaner über die weltpolischte Lge (Poststempel 1948) fragte und der Alfred aus Amerika schreibt: „Alle Amerikaner fühlen, dass wir nach Möglichkeit alle Völker ernähren sollten...Die meisten Leute glauben, dass ein Krieg mit Russland unvermeidlich ist. Die einzige Frage ist, wann. Niemand meint, dass er sofort kommt. Das Gefühl gegen die Kommunisten ist sehr stark, fast so stark wie es gegen Hitler und die Nazis war...Das böse Gefühl gegen Deutschland und das Volk dort ist fast verschwunden...erzähle mir, was sie über uns in Deutschland denken...“

Ich meine, als Spätgeborene kann man ja das total bestätigen. Also 1948 ahnten sie schon, dass in den Sechzigern Kubakrise und Eisener Vorhang folgen würden.

Übrigens, der Brief liegt nochmal auf Englisch bei, handschriftlich. Ich frage mich, ob der Alfred besser Englisch als Deutsch konnte und deswegen vorgeschrieben hat?

Achja und besonders ist auch, dass die beiden Alfred Trenkamp heißen und dass deren Töchter beide Carola Trenkamp heißen! Und das über kulturelle und geographische Distanzen!

 

Etwas krass ist es, wenn die SchreiberInnen erwähnen, dass es „gestern wieder Alarm“ gab und wie sie im Bunker waren und wieviele Fensterscheiben kaputt gingen. Oder die Heidelberger Studentin, die 1945 schreibt, wenn man da überlegt, dass kein Jahr später die Amerikaner Heidelberg übernommen hatten...!

 

Ich hab noch einen Brief gefunden an Miss Carolyn Craver in Jacksonville, der aus Lohne abgeschickt ist. Leider steht unter dem schreibmaschinengeschriebenen „Yours sincerely“ kein Name, aber da ich weiß, dass Carola Trenkamp Briefe an die „Sprachschule Bach Leipzig“ erhielt, kann es nur sie sein, die dort schreibt, denn das Englisch ist tadellos. Außerdem schreibt sie, ihr Bruder ist immer noch vermisst in Russland, und ich weiß aus den Kondolenzschreiben an Frau Trenkamp senior zum verfrühten Tod des anderen Sohnes, dass sie einen Sohn in Russland vermissen. (Im Kondolenzbrief steht „Ich weiß nicht, was ich Ihnen zum Troste schreiben soll, denn  was soll man einer Mutter sagen, die einen Sohn verloren hat und einen vermisst?“ oder so ähnlich). Es ist also die Arbeit der Historikerin ein wenig wie Puzzeln oder detektivisch arbeiten.

 

Ich könnte wohl noch einige Stunden mit dem Lesen dieser Briefe zubringen (ich sehe gerade, Carola scheint richtige Brieffreunde im Ausland gehabt zu haben und ihre Mitschülerinnen sind sonstwo in der Welt gewesen: Freiburg! Also das ist für Lohne ja schon tiefstes Ausland!), aber leider soll ich das ja eigentlich nicht und in 11 Minuten fährt auch schon mein Zug...
11.3.08 18:56
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


trenkamp (5.12.12 18:13)
ich fand die Geschicht sehr interessant und hätte gerne noch mehr Informationen dazu.
Mit freundlichen Grüssen.
Alfred Trenkamp aus München

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